4 Ist der Hype schon vorbei? E-Book-Reader im Schatten der Tablets

Erschienen in: BuB – Forum für Bibliothek und Information, No.63 (2011), S.678-679.

In den vergangenen beiden Jahren waren die E-Book-Reader jeweils ein zentrales Thema auf der Frankfurter Buchmesse. Viele Hersteller nutzten die Gelegenheit, um ihre neusten Geräte zu präsentieren. Diese sollten dank lesefreundlicher Technologie dem E-Book zum Durchbruch verhelfen. Wo stehen wir heute, quasi ein Jahr nach dem Hype?

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Apple hat mit dem iPad die schon länger als Nischenprodukt existierende Gerätekategorie der Tablets zum absoluten Trendprodukt der Gegenwart gemacht. Heute dreht sich die Diskussion denn auch vorwiegend um die Frage, ob und wenn ja, wann die Android- Tablets das iPad ein- und überholen können. Die Tablets sind dank des Konzepts von Apple – benutzerfreundliche Steuerung wie bei den Smartphones mit ultraschnellem Zugang auf Web-Inhalte und auf zahllose Apps – innerhalb weniger Monate zum Trendsetter geworden und bedrängen nicht nur die E- Book-Reader als Lesegeräte erster Wahl, sondern auch die Netbooks und sogar die Notebooks. Was bedeutet dies für die »klassischen« E-Book-Reader?

Die Vorteile der E-Book-Reader sind augenfällig: Die E-Ink ist sehr angenehm zum Lesen, auch bei hellem Tageslicht. Dank ihres geringen Stromverbrauchs muss der Akku erst nach längerer Nutzung wieder aufgeladen werden. Somit sind E-Book-Reader ideal zum Lesen von Büchern im Urlaub oder auf der täglichen Bus- oder Zugfahrt.

Mittlerweile haben sich in meinem Bekanntenkreis einige Leute einen E-Book-Reader beschafft und sind begeisterte Nutzer. Auch das Interesse an den von der Zukunftswerkstatt auf dem Bibliothekartag 2011 präsentierten E-Book-Readern war sehr groß. Aber: Diese Geräte sind nur für belletristische Werke ohne Illustrationen geeignet, nicht für wissenschaftliche E-Books oder Artikel aus elektronischen Zeitschriften. Die zum Teil vorhandenen Browser taugen nicht wirklich, da die Inhalte nur langsam und in Graustufen wiedergegeben werden.

Hier liegen die Vorteile klar bei den Tablets, die multifunktional genutzt werden können. Gerade Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, News und multimediale Inhalte werden direkt aus dem Internet bezogen und auf höchst attraktive Art bereitgestellt. Das größte Problem bei den Tablets besteht darin, dass sie weder Fisch (PC) noch Fleisch (Smartphone) sind. Man benötigt also neben dem iPad weiterhin ein Smartphone und einen PC, eventuell sogar ein Notebook. Aber wer kauft sich dann zusätzlich auch noch einen E-Book-Reader, wenn man doch auf dem Tablet (fast) ebenso gut E-Books lesen kann?

Die Anbieter der E-Book-Reader haben auf diese Herausforderung mit Preissenkungen reagiert. Kostete ein Kindle erster Generation bei seiner Einführung noch 400 US-Dollar, sind es heute noch 139. Die Gewinnspanne wird somit kleiner, und einige der Anbieter von E-Book-Readern mussten aufgeben: die Firma iRex oder auch der CoolER sind mittlerweile von der Bildfläche verschwunden, die angekündigten txtr, Skiff Reader und Que gar nie auf den Markt gekommen.

Wenn man die Verkaufszahlen der Gerätekategorien vergleicht, wird klar, dass die Musik bei den Tablets spielt: 2010 wurden weltweit rund 20 Millionen Tablets (davon 15 Millionen iPads) verkauft – gegenüber 12 Millionen E-Book-Readern (davon 6 Millionen Kindles). 2011 gehen Schätzungen in die Richtung von 45 Millionen verkauften iPads und 20 Millionen Android-Tablets – während die E-Book-Reader nur linear zulegen dürften. Auch Amazon soll gemäß hartnäckiger Gerüchte noch 2011 ein eigenes Android-Tablet auf den Markt bringen.

Die Verbesserung der bestehenden Gerätepalette dürfte nicht genügen, um den Tablets die Stirn bieten zu können. Der neue Nook 2 besticht zwar durch eine für E-Ink-Reader ausgezeichnete Touchscreen-Funktion, einfache Konfiguration eines WLAN-Anschlusses und die Integration in den E-Book-Store von Barnes & Noble. Aber er konkurriert allenfalls mit anderen E-Book-Readern, die sich einen verlangsamt wachsenden Markt streitig machen.

Entscheidend für den Erfolg der E-Book-Reader ist das Angebot an E-Books, vor allem im Bereich Belletristik. Dieses lässt gerade im deutschen Sprachraum noch sehr zu wünschen übrig. Die Verlage scheinen die E-Books eher als Risiko, denn als Chance zu begreifen. Die Geräte zum Lesen der Bücher wären da, mittlerweile zu einem erschwinglichen Preis. Aber bei den Inhalten und dem Preis der E-Books bleiben die Kundenwünsche unberücksichtigt. Es dauert zu lange, bis ein neues Buch auch als E-Book erhältlich wird. Und der Preis ist einfach zu hoch, wenn man die eingeschränkten Besitzverhältnisse bei einem E-Book mit einem gedruckten Buch vergleicht. Das zum (fast) gleichen Preis wie die aktuell günstigste gedruckte Version gekaufte E-Book kann weder weitergegeben noch verschenkt und auch nicht weiterverkauft werden.

Buchhändlern, die E-Books günstiger abgeben möchten, wird dies untersagt. Das hat Amazon dazu veranlasst, bei den teuren E-Books im Kindle-Store zu vermerken, der Preis sei vom Verlag festgelegt. Auch beim inhaltlichen Angebot macht Amazon mithilfe der Kunden Druck auf die Verlage: Der Kunde wird im Kindle-Store eingeladen, dem Verlag mitzuteilen, wenn er ein gedrucktes Buch als E-Book haben möchte.

Andererseits müssen die euphorischen Meldungen von Amazon zum Durchbruch der E-Books etwas relativiert werden. Wenn man die Liste der meistverkauften E-Books im deutschen Kindle-Store genauer anschaut, bemerkt man, dass viele der Titel zu einem auffällig geringen Preis zu haben sind. Zum Teil handelt es sich um alte Werke, zum Teil aber auch um sehr kurze Texte – von der Anleitung für den Kindle über den Arztroman, Perry Rhodan und Kurzgeschichten –, die man nicht wirklich mit einem gedruckten Buch vergleichen kann.

Für die Zukunft der E- Book-Reader kann ich folgendes Szenario entwerfen: Als günstige Lesegeräte für belletristische E-Books haben sie durchaus eine Zukunft, wenn auch in einem Tiefpreissegment (unter 100 Euro). Entscheidend wird sein, dass auch die E-Books günstiger werden und dass Neuerscheinungen im elektronischen Format verfügbar sind.

Erfolgversprechend scheint mir insbesondere das Modell einer Flatrate für E-Books – also eine Art E-Book-Club mit Büchern in der Wolke und unbeschränktem Zugriff über Streaming. Die technischen Voraussetzungen dafür wären bereits da. Für die Bibliotheken bedeutet dies, dass sie sich und ihre Kunden weiterhin mit dieser Technologie vertraut machen sollten – seien es dedizierte E-Book-Reader oder Tablets. Die Kunden werden künftig auf jeden Fall verstärkt nach elektronischen Inhalten für ihre mobilen Geräte verlangen.