5 E-Books und E-Reader – die Zukunft der Gutenberg’schen Erfindung?

Erschienen in: KM Magazin – Das Monatsmagazin von Kulturmanagement Network, Nr. 57, Juli 2011, S.31-33.

Wer wie ich in einer wissenschaftlichen, sogar noch in einer technisch-naturwissenschaftlichen Bibliothek arbeitet, für den besteht kein Zweifel, dass die Zukunft der elektronischen Information gehört. Das Stichwort Digitalisierung markiert hier den Übergang von der analogen Information, also vom Medium Buch und der gedruckten Zeitschrift, hin zur elektronischen Zeitschrift und dem E-Book. Doch immer öfter haben wir es mit Informationen zu tun, die primär oder ausschließlich in elektronischer Form verfügbar sind. Und die Bibliothekskunden, also die Studierenden und die Wissenschaftler, wünschen sich genau das: Information, die immer und überall verfügbar ist, sich mit Suchmaschinen durchforsten lässt und leicht zu kopieren und zu organisieren ist.

Bei den wissenschaftlichen Zeitschriften ist die Umstellung bereits vollzogen. Zwar sind noch viele Abonnemente an eine gedruckte Ausgabe gebunden, doch genutzt wird fast ausschließlich die elektronische Variante. Die gedruckte dient der Archivierung und als Grundlage für den Versand elektronischer Kopien an Nutzer außerhalb der Hochschule. Bei den Büchern ist die Umstellung im Gange. Mittlerweile bietet die ETH-Bibliothek ihren Kunden immerhin 100.000 E-Books an. Die Wissenschaftsverlage produzieren nicht nur neue Titel in elektronischer Form, sondern gehen auch daran, ihre Archive zu digitalisieren und ältere Werke als E-Books anzubieten. Wir sind also auf direktem Weg zum Modell „e-only“. Bei den Angeboten im Wissenschaftsbereich gibt es in der Regel keine technische Einschränkung für die elektronischen Dateien, also kein Digital Rights Management (DRM), das die Nutzung an ein auf eine bestimmte Person registriertes Gerät (PC, Reader) koppelt. Meistens können nur Hochschulangehörige aus dem Netzwerk der Hochschule auf die von der Hochschulbibliothek lizenzierten Titel zugreifen. Das übliche Dateiformat ist das PDF, das gerade bei wissenschaftlichen Inhalten viele Vorteile aufweist. Die unkontrollierte Verbreitung der nicht geschützten Dokumente versuchen die Verlage dadurch zu erschweren, dass sie keine ganzen E-Books anbieten, sondern jedes Buchkapitel einzeln. Da auch noch die Dateinamen nichtssagend sind (fulltext.pdf), ist das Zusammenstellen eines kompletten Buchs ziemlich aufwendig. Damit erschwert man jedoch nicht nur die illegale Verbreitung, sondern auch die legale Nutzung der Inhalte.

Bei der nicht-wissenschaftlichen Literatur, also bei Belletristik und populären Sachbüchern, verläuft die Entwicklung etwas anders, vor allem im deutschen Sprachraum. Amazon verkündete im Mai 2011, dass das Unternehmen mittlerweile mehr E-Books als gedruckte Bücher verkaufe. In den USA ist das Sortiment von elektronischen Kindle-Books riesig und aktuell. Die Preise sind flexibel: bei neuen Publikationen sind die gedruckte und elektronische Version ähnlich teuer, dafür werden die Preise rasch gesenkt. In Deutschland sind die E-Books in der Regel etwa einen Euro günstiger als die billigste gedruckte Variante. Da die Besitzverhältnisse bei einem E-Book nicht mit einem gedruckten Werk vergleichbar sind, sind die Preise aus Kundensicht eindeutig zu hoch. Ein E-Book kann man nicht weitergeben, weder verschenken noch verkaufen. Man hat wie bei einer Software nur die Lizenz zur persönlichen Nutzung gekauft und nicht das Eigentum am Objekt erworben.

Bei Belletristik und Sachbüchern erfolgen Zugriff und Schutz anders als bei der wissenschaftlichen Literatur. Bücher im Handel werden mit einem DRM geschützt, wobei die Systeme von Adobe (Adept) und von Amazon/Kindle am weitesten verbreitet sind. Das Prinzip funktioniert so, dass man sein Gerät (oder die entsprechende App auf einem Tablet) auf seine persönliche ID registriert (bei Adobe oder Amazon). Dann können die über diese ID gekauften E-Books auf den registrierten Geräten gelesen werden. Als Format kommt hier weniger das PDF zum Einsatz, sondern die Formate EPUB und Mobipocket (beim Kindle). Sie haben den Vorteil, dass sie sich dynamisch an kleinere Bildschirme anpassen, da sie über keinen festen Satzspiegel und Zeilenumbruch verfügen. Auch die Schriftgröße ist nicht festgelegt, sondern kann auf den Ausgabegeräten eingestellt werden. Damit sind sie besonders für den Einsatz auf kleineren E-Book-Readern geeignet. Typographen haben dabei kaum noch Einfluss auf das Erscheinungsbild des E-Books.

Die E-Book-Reader erlebten 2008/2009 einen großen Aufschwung. Amazon brachte mit dem Kindle ein massentaugliches Gerät auf den Markt. Die in diesen Geräten eingesetzte E-Ink-Technologie ermöglicht eine klare Darstellung der Texte und ein augenschonendes Lesen bei Tageslicht. Allerdings können bis heute nur Texte und Bilder in Graustufen wiedergegeben werden. Für Belletristik eignen sich diese E-Book-Reader also sehr gut. Sie erfreuen sich auch bei der älteren Generation zunehmender Beliebtheit, da sich die Schrift vergrößern lässt. Das Jahr 2010 wurde sogar als Jahr der E-Book-Reader angekündigt. Zahlreiche Modelle – alle auf der E-Ink-Technologie basierend – sollten auf den Markt gebracht werden, darunter auch einige großformatige Modelle, auf die vor allem die Zeitungsverlage große Hoffnungen setzten. Doch im April 2010 lancierte Apple das iPad, das eine neue Gerätekategorie – die multifunktionalen Tablets – als neue Mitspieler auf den Markt der elektronischen Lesegeräte brachte. Fast alle namhaften Produzenten von elektronischen Geräten (Smartphones und PCs) sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen und haben eigene Versionen von multifunktionalen Tablets angekündigt oder bereits auf den Markt gebracht. Gewisse Prognosen gehen davon aus, dass diese neue Gerätekategorie in nicht allzu ferner Zukunft die Notebooks und PCs be- oder gar verdrängen werden.

Mit den Tablets werden nicht vorwiegend E-Books gelesen, sondern in erster Linie internetbasierte Apps genutzt. Man kann damit fast wie mit dem PC arbeiten und hat alle seine elektronischen Informationen – von der Agenda über die Mails bis hin zu den Nachrichten und sozialen Netzwerken – unterwegs verfügbar. Durch die Konkurrenz der multifunktionalen Tablets werden die dedizierten E-Book-Reader ins Tiefpreissegment verdrängt. Beide Gerätekategorien verleihen dem E-Book neuen Schub.

Die E-Books erlauben zudem ganz neue Vertriebskanäle. Dem traditionellen Buchhandel graben die großen Player Amazon, Google und Apple das Wasser ab. Die E-Books lassen sich bequem von unterwegs im Online-Shop kaufen. Wie lange es wohl noch dauert, bis Geschäftsmodelle wie Miete von E-Books oder gar eine Flatrate für E-Books angeboten werden? Die technischen Grundlagen dafür sind geschaffen, und in der Musikindustrie gibt es diese Modelle bereits. Aber daneben eröffnen die niedrigen Produktionskosten auch ganz neue Möglichkeiten für nicht-kommerzielle Publikationen und für den Eigenverlag. Ein EPUB-Dokument lässt sich per Knopfdruck aus Adobe InDesign oder Pages (von Apple) erstellen. Dann kann das E-Book auf eine Plattform wie Smashwords (www.smashwords.com) hochgeladen und im Selbstverlag verkauft werden. Nur das Marketing muss der Autor selbst in die Hand nehmen, wobei das Web 2.0 auch hier ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Momentan entsprechen die E-Books – gerade in der Kombination mit den E-Ink-Readern – noch exakt der elektronischen Version ihres gedruckten Originals. Doch die Entwicklung geht auch hier weiter. Multimediale Inhalte in den E-Books sind erst der Anfang. Es werden soziale Funktionen, wie Bewertungen, Kommentare oder gar vom Leser verfasste Fortsetzungen hinzu kommen. Für das iPad gibt es elektronische Publikationen, die nur noch wenig mit Büchern zu tun haben und die Interaktionsmöglichkeiten mit der intuitiven Benutzeroberfläche voll ausschöpfen, wie z.B. Al Gores „Our Choice“ oder „Die Elemente: Bausteine unserer Welt“.

Um das Bild von Gutenberg nochmals aufzunehmen: wir befinden uns in der Phase der elektronischen Wiegendrucke, so wie die ersten Bücher noch gedruckte Handschriften waren. In absehbarer Zeit dürften sich jedoch die elektronischen Bücher von ihren gedruckten Originalen emanzipieren und sich zu einem neuen Medientyp entwickeln. Die gedruckten Bücher werden dann immer noch existieren, aber wohl eher eine Randexistenz als Liebhaberei fristen.¶