3 E-Books und E-Reader als Herausforderung für Bibliotheken

Beitrag ist erschienen in: Alles digital? E-Books in Studium und Forschung: Weimarer EDOC-Tage 2011, hg. von M. Maier & F. Simon-Ritz, Weimar 2012, S. 44-53.

Welche Herausforderungen stellen E-Books und die E-Book-Reader speziell für Bibliotheken dar? In diesem Beitrag wird versucht zu zeigen, welchen Einfluss die neuen elektronischen Formate und die Lesegeräte, die sich in den letzten zwei-drei Jahren rasant entwickelt haben, auf die Aufgaben und Dienstleistungen der Bibliotheken haben bzw. in Zukunft haben werden.

E-Book-Reader und Tablets

Zunächst einige Hintergründe zu den E-Book-Readern, die ja keineswegs neu sind. Schon zu Beginn der 90er Jahre wurde das nahe Ende des gedruckten Buchs ausgerufen, doch erwiesen sich die E-Book-Reader der ersten Generation letztlich als technisch zu unausgereift. Eine neue Runde läutete dann Amazon mit dem Kindle ein. Die zweite Generation der E-Book-Reader basierte auf der sehr lesefreundlichen Technologie E-Ink. Höhere Speicherkapazitäten, längere Akkulaufzeiten und ein attraktives Angebot an E-Books im Kindle Store sorgten dann für den Durchbruch dieser Geräte. Das Jahr 2010 wurde sogar als Jahr der E-Book-Reader angekündigt. Zahlreiche Modelle – alle auf der E-Ink-Technologie basierend – sollten auf den Markt gebracht werden, darunter auch einige grossformatige Modelle, auf die vor allem auch die Zeitungsverlage grosse Hoffnungen setzten. Doch im April 2010 lancierte Apple das iPad, das eine  neue Gerätekategorie, die multifunktionalen Tablets als neue Mitspieler auf den Markt der elektronischen Lesegeräte brachte. Mit dem iPad werden zwar nicht vorwiegend E-Books gelesen, sondern in erster Linie internetbasierte Apps genutzt. Aber sein Einfluss auf die Art, wie mit E-Books umgegangen wird, sowie die enorme Innovationskraft, die auf eine grosse Entwicklergemeinde ausstrahlt, hat die Kräfteverhältnisse auch im Buchmarkt neu gemischt. Fast alle namhaften Produzenten von elektronischen Geräten (Smartphones und PCs) sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen und haben eigene Versionen von multifunktionalen Tablets angekündigt oder (Stand: Mai 2011) bereits auf den Markt gebracht. Gewisse Prognosen gehen davon aus, dass diese neue Gerätekategorie in nicht allzu ferner Zukunft die Notebooks und PCs be- oder gar verdrängen werden.

Das iPad war nicht als eigenständiges Gerät konzipiert und benötigte wie das iPhone (bis zur Version 4 des Betriebssystems iOS) für die Inbetriebnahme und die Updates einen PC oder Mac. Andere Anbieter von Tablets bieten dem Nutzer mehr Unabhängigkeit mit dem offenen Betriebssystem Android (Motorola Xoom, Samsung Galaxy Tab 10.1, Asus). Sie alle kopieren von Apple das erfolgreiche Modell, wie solche Geräte bedient werden. Nicht mit Stift und nicht als nüchterne Businessgeräte, wie man das vor allem seitens Microsoft versucht hat, sondern mit Multitouch (und somit den Fingern) als trendiges Lifestyle-Gerät für den mobilen Menschen. Diese Art der Interaktion mit Tablets hat sich enorm schnell etabliert. Mittlerweile erwarten die User, dass man diese Geräte genauso bedient wie das iPhone. Mit diesem Beispiel will ich veranschaulichen, dass erfolgreiche Technologien sich enorm schnell durchsetzen und neue Standards setzen können, die sich dann in Erwartungshaltungen der Kunden niederschlagen.

Wer schon elektronische Bücher auf dem iPad gelesen hat, erkennt sehr schnell einen grossen Unterschied zum Lesen am Notebook oder PC. Reader mit E-Ink-Technologie sind sicherlich angenehmer im hellen Tageslicht und sie ermüden die Augen weniger. Aber das iPad punktet durch die angenehme Steuerung mittels einfachem Berühren des Bildschirms, der Möglichkeit zwischendurch auch noch die neusten Nachrichten anzusehen, die Mails zu checken oder den Status von Facebook-Freunden zu verfolgen. Und im Gegensatz zu den dedizierten E-Book-Readern eignen sich die Tablets durchaus auch zum produktiven Arbeiten mit Textdokumenten.

Die E-Books dürften von diesen neuen Trendgeräten enorm profitieren. Es ist angenehm, wenn man mit dem Tablet im Gepäck auch noch seine Bibliothek und seine Arbeitspapiere mit dabei hat. Diese Kombination ist besonders für die mobilen und stets vernetzten Zeitgenossen sehr attraktiv – und man kann davon ausgehen, dass diese soziale Gruppe stark und schnell wachsen wird.

Durchbruch bei den E-Books?

Ob wir bereits vom Durchbruch des E-Books sprechen können, ist umstritten. Die Verkaufszahlen sprechen zumindest in den USA dafür. Hier ist der Umsatz mit E-Books 2010 um 164% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Der Anteil des mit E-Books generierten Umsatzes im Buchhandel der USA stieg von 3.2% im Jahr 2009 auf 8.3% in 2010. Und Amazon verkündete im Mai 2011, dass das Unternehmen mittlerweile mehr E-Books als gedruckte Bücher verkaufe. Im deutschen Sprachraum sind wir noch weit von solchen Aussagen entfernt. Während bei Amazon und Barnes & Noble alle neuen Titel als E-Book zu einem deutlich günstigeren Preis als die gedruckten Bücher erhältlich sind, steckt das Angebot deutscher Titel noch in den Anfängen. Neuerscheinungen sucht man meist vergeblich bei den E-Books. Wer, wie der Schreibende, fleissiger Leser von Kriminalromanen ist, findet meist nur Werke, die er schon längst in gedruckter Form gelesen hat. Zudem orientiert sich der Preis an der preisgünstigsten gedruckten Ausgabe, womit erst mit Erscheinen der Paperback-Version der Preis in die Region von 10 Euro fällt. Für viele Konsumenten ist auch dieser Preis noch zu hoch, wenn man die sehr eingeschränkten Rechte in Betracht zieht, die mit dem Kauf verbunden sind. Angesichts der limitierten Nutzung, die durch ein restriktives DRM vorgegeben wird, wäre ein deutlich günstigerer Preis angebracht. Mittlerweile ist Amazon mit einem Angebot von 25’000 Titeln in deutscher Sprache in diesen Markt eingetreten. Und Amazon setzt gegenüber den Verlagen mächtig Druck auf: Im Online-Katalog von Amazon kann der geneigte Kunde dem Verlag mitteilen, wenn er ein Buch auch als E-Book wünscht.

In der Schweiz ist ein heftiger Konflikt zwischen Verlagen und dem Grossbuchhändler Ex Libris entstanden, weil letzterer die Preise für E-Books massiv senken wollte. Diese Massnahme sollte dazu dienen, dem E-Book auch hierzulande zum Durchbruch zu verhelfen, doch scheinen die Verlage daran wenig Interesse zu haben. Dabei verschliesst man die Augen vor Trends, die meiner Ansicht nach nicht mehr zu stoppen sind. Man verdrängt die kaufwilligen Kunden geradezu in Richtung halblegaler oder gar illegaler Dienste.

Die  hier geschilderten Entwicklungen betreffen nur den individuellen Markt mit Belletristik. Insofern sind davon nur die öffentlichen, nicht aber die wissenschaftlichen Bibliotheken betroffen. Aber im Hinblick auf die Verbreitung der E-Books und deren Akzeptanz handelt es sich hier um wichtige Rahmenbedingungen.

E-Books-Formate und ihre Anwendungen

Im Folgenden beziehen sich die Ausführungen auf wissenschaftliche Bibliotheken. Welche Formate werden hier zu welchen Bedingungen angeboten? Welches sind die Eigenschaften der unterschiedlichen Angebote und wie lassen sie sich auch auf mobilen Geräten nutzen?

Im Wissenschaftsbereich haben die Verlage das Modell der E-Journals auf die E-Books übertragen: Werden dort die einzelnen Artikel als PDF-Dokument angeboten, sind es hier die einzelnen Kapitel. In beiden Fällen ist nur der Zugriff beschränkt, nämlich auf die IP-Range der jeweiligen Hochschule, welche die Titel lizenziert hat. Die Dokumente selbst können dann ohne technische Einschränkungen (also ohne DRM) genutzt werden. Das Format PDF bietet als identisches Abbild der gedruckten Version viele Vorteile: fixer Zeilen- und Seitenumbruch, einwandfreie Darstellung von Grafiken, Formeln, Tabellen etc. Zudem wird es von praktisch jeder Plattform unterstützt.

Trotzdem schätze ich dieses Modell als nicht besonders kundenfreundlich ein. Die Aufteilung der Bücher in Kapitel, die beim Herunterladen meist einen nichtssagenden Dateinamen erhalten (z.B. fulltext.pdf bei E-Books aus dem Springer Verlag), verursachen beim Anwender einen beträchtlichen Mehraufwand, um die Dateien umzubenennen und in die richtige Ordnung zu bringen. Zudem finde ich die Segmentierung der Information in Einzelkapitel, die aus dem Kontext des Werks herausgerissen werden, für problematisch. Aus Verlagssicht mag diese Art der Aufteilung zwei Vorteile haben: höhere Zugriffszahlen, weil gemäss Counter-Standard der Zugriff auf die einzelnen Dokumente gezählt wird, sowie eine höhere Hürde für das unkontrollierte Verbreiten ganzer E-Books. Aus Benutzersicht erwünscht wären jedoch komplette E-Books, die man zumindest als Einheit durchsuchen kann, auch wenn man sie nicht traditionell von Anfang bis Ende durchliest. Zudem sollten die E-Books mit allen relevanten Metadaten ausgeliefert werden, so wie man es sich bei der Musik mittlerweile gewohnt ist. Damit würde das mühsame Ordnen erleichtert, und die Zuweisung der Dateien zu einem Titel wäre zuverlässig. Bei der Lizenzierung der E-Books durch Bibliotheken funktioniert die Lieferung der Metadaten zur Einspielung in den Bibliothekskatalog mittlerweile gut.

Wenn ich hier die Mängel des Modells DRM-freie PDFs kritisiert habe, muss im Gegenzug gesagt werden, dass dieses Modell durchaus bibliotheksfreundlich ist. Der Zugriff für Hochschulangehörige erfolgt kostenlos über die von der Bibliothek bezahlte Lizenz. Auch iPad-Nutzer wissen dieses Modell durchaus zu schätzen: vom Device aus erhält man via VPN aus dem Hochschulnetz Zugriff auf die gewünschte Datei, kann sie herunterladen und z.B. mit der App GoodReader lesen und bearbeiten – nachdem man wie oben beschrieben Ordnung in die Dateinamen gebracht hat. Aber die meisten dedizierten E-Book-Reader, mit Ausnahme der grossformatigen Kindle DX und dem PocketReaderPro 903, sind für das Lesen von PDF-Dokumenten im A4-Format nicht geeignet.

Für die kleineren Lesegeräte wurden die E-Book-Formate EPUB und Mobipocket entwickelt. Sie haben den Vorteil, dass sie sich dynamisch den kleineren Bildschirmen anpassen, da sie über keinen festen Satzspiegel und Zeilenumbruch verfügen. Auch die Schriftgrösse ist nicht festgelegt, sondern kann auf den Ausgabegeräten eingestellt werden. Diese Formate basieren auf XHTML und XML und weisen somit ähnliche Eigenschaften auf wie Webseiten. Entsprechend ist die korrekte Darstellung von Formeln, komplexen Tabellen und Grafiken grundsätzlich problematisch. Für die Zitierung als wissenschaftliche Texte fällt erschwerend ins Gewicht, dass die Seitenzahlen nicht dem gedruckten Text entsprechen. Tatsächlich lassen sich die ursprünglichen Seitenumbrüche markieren und in diesen Formaten anzeigen, doch ist dies zum einen von den Geräten und der Software abhängig, zum andern von der korrekten Produktion der E-Books.

Mobipocket wurde ursprünglich für die Darstellung von Texten auf Handhelds entwickelt und kam schon auf Organizern wie Palms zum Einsatz. Es wurde vom mittlerweile vom Markt verschwundenen iRex unterstützt, und prominent auch vom Kindle. Amazon setzt für seine E-Books allerdings Mobipocket in abgewandelter Form mit eigenem DRM als Format AZW ein. Diese Dateien lassen sich mit der Software Kindle auf vielen Plattformen lesen, so auch mit der App Kindle auf dem iPad. Die verschiedenen Geräte werden auf die persönliche Amazon-ID registriert, womit sie für die Wiedergabe der mit dieser ID gekauften E-Books zugelassen sind.

Weiter verbreitet ist der offene Standard EPUB, der heute in der Version 2 eingesetzt wird. Er wird von den meisten übrigen Plattformen und Geräten unterstützt. Wobei es auch hier unterschiedliche DRMs gibt. Am häufigsten wird Adobe Adept eingesetzt, das ähnlich funktioniert wie oben beim Format AZW beschrieben. Man kann mehrere PCs und mobile Geräte auf die eigene Adobe-ID registrieren, mit der dann die DRM geschützten E-Books gekauft werden. Sony und Nook setzen diese Technik in ihren Lesegeräten ein. Das iPad kann nicht direkt registriert werden, doch ist dies mit Hilfe spezieller Apps (Bluefire Reader, txtr) möglich. Auch Onleihe, wie sie unten beschrieben wird, wird meistens über dieses DRM abgewickelt.

Der Vorteil dieser beiden Formate liegt eindeutig bei der Nutzung auf mobilen Geräten mit kleinen Bildschirmen, auch auf Smartphones. Eigene Texte kann ein Autor leicht selber in diese Formate umwandeln. Direkt möglich ist die Produktion von EPUB-Dokumenten aus Adobe InDesign oder aus Pages von Apple. Mobipocket Creator dient analog dazu, Texte ins Format .mobi umzuformatieren. Ein unentbehrliches Tool ist dabei Calibre, mit dem die unterschiedlichsten E-Book-Formate erzeugt werden können. Die Umwandlung von PDF-Dokumenten in diese mobilen Formate ist nicht unproblematisch. Es bedeutet letztlich einen beträchtlichen Aufwand an Handarbeit, besonders wenn es sich um komplexe Vorlagen mit Tabellen, Grafiken oder gar Formeln handelt.

Bibliotheken betreiben heute oft einen Dokumentenserver für die Publikationen der eigenen Hochschulangehörigen unter Open Access. Es ist gut denkbar, dass Bibliotheken hier die Dienstleistungspalette erweitern und auch die Produktion verschiedener E-Books-Formate anbieten. Die Nutzer hätten dann wahlweise die Möglichkeit, eine Publikation als PDF, als EPUB oder als Mobipocket-Datei herunterzuladen und auf ihr mobiles Gerät zu übertragen. Die ETH-Bibliothek hat Vorbereitungen für ein solches Angebot getroffen. Doch stellen sich auch hier rechtliche Fragen, zum Beispiel bei den elektronisch abgelieferten Dissertationen. Wir gehen heute davon aus, dass es für die Umformatierung und das Angebot mehrerer Varianten die Einwilligung des Autors braucht. Die technischen Probleme bei der Konvertierung der PDF-Originale scheinen weitgehend gelöst zu sein, womit sich noch die Frage des Preises stellt. Bei komplexen naturwissenschaftlichen Texten, die gespickt sind mit Tabellen und Formeln ist mit externen Kosten in der Grössenordnung von 100 Euro pro Dokument im Umfang von 100-150 Seiten zu rechnen. Beim Selbstversuch stellte sich bald heraus, dass der Aufwand zur Herstellung eines einwandfreien und validierten EPUB-Dokuments sehr gross ist. Deshalb ist es ratsam, eine allfällige Produktion an eine spezialisierte Firma zu übertragen. Und noch einfacher und günstiger ist es, wenn man das EPUB direkt aus der Originaldatei herstellt.

Heute sind die E-Books in der Regel „bloss“ oder im besten Fall ein Abbild des gedruckten Buchs. Doch es gibt auch schon viele Ansätze für enhanced E-Books, die also mit zusätzlichen Funktionen angereichert sind. Mit Bordmitteln können Videos und Töne in E-Books integriert und auf den Readern angezeigt werden. Doch die elektronischen Formate bieten noch mehr Potenzial: denkbar sind interaktive E-Books, bei denen die Leserinnen und Leser eingreifen können, oder bei denen Kommentare und Empfehlungen integriert und mit sozialen Netzen verknüpft werden. Und darüber hinaus gibt es heute Apps fürs iPad, welche das Konzept Buch schon weit hinter sich gelassen haben.

In den wissenschaftlichen Bibliotheken spielen E-Books im EPUB-Format momentan noch kaum eine Rolle. Dafür werden die meisten E-Books (ausser bei Amazon) an private Kunden in diesem Format angeboten.

Einschränkung der Nutzung durch externe Bibliothekskunden

Weiter oben habe ich gesagt, dass das gängige Distributionsmodell von E-Books bibliotheksfreundlich sei. Das gilt aber nur für reine Hochschulbibliotheken, wie sie eher in den USA als im deutschen Sprachraum anzutreffen sind. Die ETH-Bibliothek versteht sich aber auch als öffentliche Bibliothek mit einem nationalen Auftrag im Bereich technisch-naturwissenschaftlicher Informationsversorgung. Davon profitieren bei den gedruckten Büchern Privatpersonen und Firmen. Von der elektronischen Informationsversorgung werden sie durch die gängigen Lizenz- und Zugriffsmodelle jedoch abgeschnitten. Diesen wichtigen Kundengruppen möchte die ETH-Bibliothek weiterhin die aktuellen Informationen liefern und sucht deshalb nach Lösungen, wie externen Kunden Zugriff auf elektronische Ressourcen gegeben werden kann. Die Hindernisse auf diesem Weg sind vielfältig. Rechtlich stellt sich die Frage nach neuen Lizenzmodellen mit vermutlich entsprechender Vergütung der zusätzlichen Nutzungen. Seitens der Verlage wären wahrscheinlich Nationallizenzen die bevorzugte Lösung. Aber wir können davon ausgehen, dass eine Nationallizenz für die Schweiz, die alle bisherigen Nutzungen beinhalten würde, eine zu teure Angelegenheit wäre und im Widerspruch zur föderalen Struktur auch der Hochschullandschaft stehen würde. Als technische Lösung wird die Onleihe in Betracht gezogen. Das bedeutet einen zeitlich limitierten Zugriff auf E-Books, der über ein DRM gesteuert wird. Die einfache Variante bildet die bekannte Buchausleihe ab, indem ein Dokument für eine bestimmte Zeit einem Nutzer exklusiv zur Verfügung gestellt wird. Diese Methode kommt bei der Onleihe in öffentlichen Bibliotheken zum Einsatz. Der Vorteil dieses Modells besteht darin, dass sowohl Verlage wie Nutzer und Bibliotheken damit vertraut sind. Aber eigentlich ist es etwas gar rückwärtsgewandt, wenn einfach die alten Muster auf die digitale Welt übertragen werden. So gibt es für wissenschaftliche Bibliotheken auch Modelle von Aggregatoren, welche die parallele Mehrfachnutzung eines Dokuments zulassen, dafür aber eine Obergrenze der gesamten Nutzung aller E-Books setzen.

Eine weitere Herausforderung stellt die Authentifzierung der berechtigten Nutzer dar. In der Vorstellung der ETH-Bibliothek müssten die eingeschriebenen Bibliothekskunden über ein bestimmtes Verfahren authentifziert werden und dann die Berechtigung zum Zugriff auf die lizenzierten Ressourcen erhalten. Entsprechende Abklärungen sind in Gang.

Aussagen von Verlagsvertretern lassen vermuten, dass diese zumindest für einen Pilotversuch unter kontrollierten Bedingungen bereit wären, wobei die Plattform von der Bibliothek zur Verfügung gestellt werden müsste. Zudem zeichnet sich ab, dass die Verlage auf eine Lösung mit DRM bestehen, wenn Kunden ausserhalb der Hochschule bedient werden sollen. Auch der bisherige Grundsatz, wonach die Nutzung für die Kunden kostenlos sein soll, muss gegebenenfalls bei externen Kunden in Frage gestellt werden.

Es gibt auch Visionen in die Richtung, dass die elektronischen Texte in der „Cloud“ gespeichert und nur online verfügbar sein werden. Google Books oder der australische Dienst Booki.sh machen es bereits vor, und auch der deutsche Anbieter PaperC setzt auf ein ähnliches Konzept. Hier ist das online Lesen kostenlos möglich, nur der Download, der rechtlich einer Kopie entspricht, ist kostenpflichtig. Grundlage für diese Angebote ist der neue Web-Standard HTML5.

Neue Dienstleistungen von Bibliotheken

Welche Möglichkeiten haben nun Bibliotheken in diesem dynamischen und von grosser Unsicherheit geprägten Umfeld?

Weiter oben wurden bereits mögliche neue Geschäftsfelder aufgeführt, so z.B. die Erweiterung der Angebote im Bereich E-Publishing. Auch die Onleihe könnte eine neue Dienstleistung darstellen, wobei gut zu prüfen ist, ob die Wünsche der Kunden nicht mit anderen Zugriffs- und Lizenzmodellen besser zu erfüllen sind.

Es wurde auch angedeutet, dass Bibliotheken Plattformen betreiben könnten, welche die Distribution und Archivierung der elektronischen Ressourcen übernehmen. Die offenen Fragen überwiegen hier aber noch ganz deutlich.

Im viel kleineren Rahmen bewegen sich die möglichen Angebote im Umfeld der E-Reader. Ihre wichtige Rolle im gesamten Kontext E-Ressourcen sehe ich darin, dass sie enorm wichtige Promotoren des neuen Mediums E-Books sein können. Studierende, die ihre Studienunterlagen auf einem Tablet lesen und bearbeiten, dürften auch die E-Books der Bibliothek auf demselben Gerät lesen. Entsprechend gehört es im Rahmen der Vermittlung von Informationskompetenz auch zu den Aufgaben der Bibliothek, die Studierenden mit dem neuen Medium (E-Book) und den für das Lesen und Bearbeiten geeigneten Geräten vertraut zu machen. Vor diesem Hintergrund kann die Bibliothek Geräte zum Testen bereitstellen, Schulungen durchführen und Inhalte bereitstellen, die eine Vorstellung vom Nutzen der Technologie vermitteln können. Damit kann sich die Bibliothek auch als Ansprechpartner für Fragen bezüglich neuer Technologien positionieren und ihr Image als innovative Institution innerhalb der Hochschule pflegen.

Verschiedene Bibliotheken nutzen die E-Book-Reader intensiver: sie laden Kollektionen von E-Books auf die Geräte, katalogisieren diese wie einen Sammelband und leihen sie wie andere Bibliotheksmedien aus. Diesen Aktivitäten setzen die Lizenzbestimmungen der verschiedenen Anbieter enge Grenzen. Sowohl ein Kindle wie auch ein iPad müssen auf eine einzelne Person registriert werden, und die gekauften Apps und Bücher dürfen nur von dieser Person genutzt werden. Es ist meines Wissens nicht erlaubt, ein bei Amazon gekauftes E-Book auf 10 verschiedene Kindles der Bibliothek zu laden und an Benutzer auszuleihen. Ich gehe davon aus, dass sich dies mit Apps ähnlich verhält, die einmal gekauft und dann auf mehrere iPads übertragen werden. Somit wäre ein solches Angebot wohl nur für gemeinfreie Werke (z.B. Klassiker aus dem Gutenberg-Projekt) zulässig.

Gerade für den Einsatz auf Tablets sind Tages- und Wochenzeitungen interessante Angebote für Bibliothekskunden. Obschon die klassischen ePapers der Tageszeitungen eher unhandliche PDF-Dokumente sind, lassen sie sich gerade auf dem iPad sehr gut lesen. Damit dürfte ein Angebot wie PressDisplay für Bibliothekskunden, die mit einem Tablet ausgerüstet sind, auf grosse Nachfrage stossen.

Hausaufgaben für Bibliotheken und Verlage

Zentral scheint mir zu sein, dass die Bibliotheken davon ausgehen können, dass immer öfter Kunden mit mobilen Geräten ihre Inhalte nutzen wollen. Und die Kunden bestimmen selber, ob sie dafür ein Smartphone, einen E-Book-Reader, ein Android-Tablet oder ein iPad nutzen. Hier hat die Bibliothek selbst keinen Einfluss. Es ist aber ihre Aufgabe, die Informationen so anzubieten, dass sie auf diesen verschiedenen Geräten genutzt werden können. Das heisst zum einen, dass ihre Homepage und ihre elektronischen Plattform mobiltauglich sein sollten und zum andern, dass die elektronischen Ressourcen in entsprechenden Formaten vorgehalten werden müssen. Für die eigenen bzw. die hochschuleigenen Dokumente können sie dies selber aktiv mitgestalten und auf ihren Dokumentenservern nicht nur PDF-Dokumente, sondern auch EPUB- und Mobipocket-Versionen anbieten. Bei den wichtigeren lizenzierten Ressourcen sind die Bibliotheken aber auf die Zusammenarbeit der Verlage angewiesen. Diese müssen ihre Hausaufgaben machen und kundenfreundlichere Angebote entwickeln. Hier sehe ich eine Chance vor allem in gemeinsamen Pilotprojekten von Bibliotheken und Verlagen, mit denen die durchaus verständlichen Ängste abgebaut und positive Erfahrungen gesammelt werden können.

Zudem muss auch in Betracht gezogen werden, dass die globalen Player Amazon, Google und Apple genau in diesem Bereich aktiv sind und über unvergleichlich grössere Mittel und Möglichkeiten verfügen. Bibliotheken und Buchhändler müssen auch mit dem Schreckensszenario rechnen, dass diese grossen Aggregatoren das Modell einer Flatrate für E-Books entwickeln. Die Endkunden könnten dann gegen eine jährliche fixe Gebühr (wie bei einem Buchclub) unbeschränkt E-Books lesen. Oder auch die Ausleihe von elektronischen Büchern gegen eine bescheidene Gebühr kann man sich durchaus als Geschäftsmodell vorstellen.

 

Bibliografie

Mumenthaler, Rudolf: E-Book-Reader und ihre Auswirkungen auf Bibliotheken. In: Handbuch Bibliothek 2.0. Hrsg. von Julia Bergmann und Patrick Danowski. Berlin, New York 2010, S. 207–222. DOI: 10.1515/9783110232103.207

Mumenthaler, Rudolf: Neue Dienstleistungen für mobile Lesegeräte? E-Book-Reader und ihre Auswirkungen auf Bibliotheken. In: BuB – Forum Bibliothek und Information, No.62 (2010), Heft 9, S.606-615.

Piguet, Arlette: E-Books an wissenschaftlichen Bibliotheken: Zukunftsperspektiven. In: B.I.T. online 14 (2011) Nr.2, S.111-122.