16 Das (noch) nicht genutzte Potential von E-Books

Posted on March 5, 2013

An der 12. Inetbib-Tagung in Berlin hielten Bruno Wenk (HTW Chur) und ich einen Vortrag zum Thema “das (noch) nicht genutzte Potential von E-Books”. Wir gehen dabei von der These aus, dass E-Books noch nicht so genutzt werden, wie das ihrem Potential entspräche. Wir zeigen, worin das Potential besteht, sowohl aus technischer Sicht (Funktionen von EPUB3) wie auch aus Sicht der NutzerInnen.

Zunächst skizzierte Bruno Wenk die verschiedenen Erscheinungsformen von E-Books und schlug eine Definition vor: “Ein E-Book ist ein Informationssystem, das digitale Inhalte und Funktionen für deren Nutzung auf Geräten bereitstellt.”

Hemmnisse bei der Nutzung sind die zum Teil zu komplizierten Zugriffsmöglichkeiten in Bibliothekssystemen, sowohl bei der Suche wie auch beim direkten Bezug der E-Books. Gute Beispiele bieten Discovery-Systeme, die mit einem Klick die Ressourcen auf E-Books einschränken lassen (z.B. Swissbib oder KonSearch). Oft werden NutzerInnen jedoch über komplexe Interfaces der erweiterten Suche geführt, wo dann auch die Bezeichnungen nicht eindeutig sind. Oder wie soll eine Nutzerin/ein Nutzer verstehen, was unter “Online Ressourcen (ohne Zeitschr.)” gemeint ist? Weiter scheitern interessierte NuterzInnen zu häufig beim Versuch, auf die verlinkten Titel zuzugreifen. Diese sind manchmal zwar im Katalog aufgeführt, jedoch nicht mehr zugänglich, weil z.B. die Lizenz abgelaufen ist. Ein weiteres, grosses Problem besteht darin, dass das gängige Modell für wissenschaftliche E-Books auf die Angehörigen von Hochschulen zugeschnitten ist. Nicht-Hochschulangehörige haben in der Regel keinen Zugriff auf das Angebot an E-Journals und E-Books an Hochschulbibliotheken – ausser sie nutzen diese in den Räumen und an Arbeitsstationen der Bibliothek.

Aus Bibliothekssicht besteht ein grundlegendes Problem darin, dass die NutzerInnen das E-Books-Angebot einer Bibliothek nicht kennen. Das zeigen Untersuchen immer wieder, wie diejenige zur Nutzung von E-Books an der Universität Freiburg. Bibliotheken müssen sich also überlegen, wie sie dieses Angebot besser vermarkten können. Hier sollten sich FachreferentInnen einbringen, die aktuelle wichtige Publikationen zu ihrem Fachgebiet empfehlen können (E-Book der Woche) und dafür auch Blogs einsetzen. Persönliche Empfehlungen findet man heute noch selten auf Seiten der Hochschulbibliotheken, da gibt es noch einiges zu tun.

Aus Nutzersicht scheint mir auch noch wichtig, dass die E-Books sich optimal in die persönliche Arbeitsumgebung integrieren lassen. Grundlage dafür sind standardisierte und komplette Metadaten, die zum einen auf den Plattformen zum Download bereitgestellt werden, u.a. im RIS-Format. Die Metadaten können aber auch in die Dateiinformation integriert werden, sowohl bei EPUB wie auch bei PDF. Einzelne Verlage (Elsevier, Nature) bieten bereits integrierte Metadaten im PDF an, die dann beim Import der Dateien in ein Reference Management System extrahiert werden. Das erleichtert die Organisation der Information.

Weiter kann man festhalten, dass die an Hochschulbibliotheken angebotenen E-Books sehr gut mit Tablets nutzen lassen, die Zugang zum Netzwerk der Hochschule anbieten und mit entsprechenden Apps die Arbeit mit den PDF-Dokumenten sehr gut unterstützen. Wer dies mit E-Readern versucht, die auf E-Ink basieren und 5/6-Zoll-Bildschirme aufweisen, ist zum Scheitern verurteilt. Mobile Nutzung der E-Books aus Hochschulbibliotheken ist somit nur sehr eingeschränkt möglich. Und das liegt daran, dass die Wissenschaftsverlage die E-Books ausschliesslich im Format PDF anbieten. Und diese Werke dann aufgeteilt auf ein PDF-Dokument pro Kapitel bereitstellt. Dabei untersagen die Lizenzbestimmungen den Download des ganzen Werks (also aller Kapitel), da dieser einer integralen Kopie eines urheberrechtlich geschützten Werks entspräche. Damit wäre es heute also nicht mehr möglich, auf legale Weise ein komplettes E-Books zu lesen, denn eine Alternative zur Download der Kapitel wird nicht angeboten.

Dann stellt sich die Frage, ob Bibliotheken dies nicht besser in Eigenregie machen könnten. Gerade die Möglichkeiten, die der neue Standard EPUB3 bietet, bedeuten eine grosse Chance für Hochschulen und Hochschulbibliotheken, die Produktion selbst in die Hand zu nehmen. Ein E-Book im EPUB-Format besteht aus einer Zip-Datei, in der die verschiedenen Dateien zusammengepackt werden. Der Inhalt lässt sich in ungeschützten Dateien mit geeigneten Tools verändern. Das kann dann problematisch werden, wenn eine Veränderung durch einen Nutzer nicht deklariert wird und somit der Inhalt verfälscht werden kann. Der Schutz muss jedoch nicht über DRM erfolgen. Es können auch digitale Wasserzeichen oder digitale Signaturen eingesetzt werden, die für die Nutzer keine Einschränkungen zur Folge haben.

Neben kommerziellen Tools (wie InDesign) gibt es auch offene Plattformen, welche die Produktion von E-Books unterstützen. E-Books im Format EPUB2 kann man zum Beispiel über die Plattform pressbooks.com auf der Basis von WordPress herstellen und in  diversen Formaten (mobipocket, pdf) publizieren. EPUB3 basiert auf HTML5, CSS 2.1 und CSS 3 und bietet darüber hinaus die Integration von Multimedia, interaktive Grafiken auf Basis SVG, die Unterstützung von MathML (und somit die Darstellung mathematischer Formeln), Text-to-Speech und eingebettete Fonds. Optional können interaktive Elemente (z.B. Multiple-Choice-Kontrollfragen in einem Lehrbuch) mit Javascript programmiert werden. Zudem werden mehrere Metadaten-Standards unterstützt (Dublin Core, Prism, Marc21). EPUB3 lassen sich mit dem aus Open-Source-Komponenten bestehenden (aber nicht kostenlosen) Tool BlueGriffon erstellen. Zur Publikation kann z.B. die Plattformhttp://www.lulu.com genutzt werden, welche den gesamten Marketingprozess unterstützt.

Als Fazit haben wir die Eigenschaften eines aus unserer Sicht idealen wissenschaftlichen E-Books skizziert. Vgl. dazu den folgenden Beitrag!