10 Das iPhone als eReader

Beitrag ist erschienen in: Trau keinem über 30? Die TUB wird 30! Kolloquium über eBooks und die Zukunft der Bibliothek anläßlich des 30-jährigen Bestehens der Universitätsbibliothek der TU Hamburg-Harburg. Herausgegeben von Thomas Hapke. Hamburg-Harburg 2010, S. 27-40.

1. Einleitung

 

Ende Oktober sorgte die Meldung für Aufregung, wonach die eBooks mittlerweile die grösste Katagorie bei den neu eingereichten Applikationen im iTunes Store seien und die Games überholt hätten (Quelle: Flurry Smartphone Industry Pulse, October 2009[5] ). Ist das iPhone auf dem Weg, die gängigen eBook-Lesegeräte,  kurz eReader, zu überholen? Bedrängt es die eReader in ihrem eigenen Bereich so wie es bei den mobilen Gamekonsolen schon passiert ist?

Zunächst muss man die Meldung von Flurry etwas relativieren. Zwar hat die Menge an eBooks stark zugenommen, aber mehr als 10.000 eBooks sind im iTunes Store noch nicht im Angebot. Und es ist natürlich bedeutend einfacher, ein eBook zu produzieren als ein neues Game oder andere Software. Zudem sagt die Menge nichts aus über die Qualität. Und ich wage zu behaupten, dass die eBooks im App Store noch nicht die wirklich attraktiven Inhalte bieten.

Auch die Nachfrage scheint noch übersichtlich zu sein. In seinem Vortrag auf den 3. eBook-Tagen an der BSB München erwähnte ein Verlagsvertreter, dass auf 10 verkaufte eBooks für den Sony eReader eines für das iPhone käme. Und wenn man bedenkt, dass in der ersten Jahreshälfte 2009 in Deutschland nur gerade 65.000 eBooks verkauft worden sind, relativiert sich diese Zahl noch mehr. Gemäss meiner These, wonach das Gerät nur ein Element für den Erfolg eines eReaders ausmacht,[6] möchte ich die verschiedenen Aspekte des iPhone als eReader vom Angebot bis hin zur Distribution betrachten und dann mit den im Handel erhältlichen eReadern vergleichen.

Der Vergleich spielt sich auf dem Hintergrund der grundsätzlichen Frage ab, ob die dezidierten Geräte (also die spezialisierten eReader, heute auf der eInk-Technologie basierend) oder andere Mobilgeräte, die nebst vielen anderen Funktionen auch das Lesen von eBooks anbieten, sich künftig durchsetzen werden. Das iPhone spielt hier die Rolle des mobilen Alleskönners unter den Smartphones. Daneben können aber auch andere Geräte, insbesondere die Netbooks, letztlich das Rennen machen.

Abb. 1: Rudolf Mumenthaler zeigt einen eBook-Reader (Foto: R.Jupitz)

2. eBooks als Apps fürs iPhone

Die erwähnten rasant wachsenden eBooks im iTunes App Store möchte ich zuerst betrachten. Hier ist jedes eBook eine eigene Applikation mit individuellen Eigenschaften. Theoretisch kann jedes dieser eBooks andere Eigenschaften aufweisen, eigene Funktionen zum Blättern oder für Notizen enthalten. Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass die eBooks hier in einem komplett proprietären Format vorliegen und sich auf keine anderen Geräte übertragen lassen. Apple spielt dabei die Rolle des Buchhändlers, der die Werke von Autoren, welche von Verlagen herausgegeben werden, an die Endkunden bringen will. Die Händler neigen prinzipiell dazu, ihre Produkte in einer Form anzubieten, die den Kunden möglichst an den Händler binden (Stichwort: Vendor lock-in). Apple verfolgte diese Strategie schon bei der Musik solange, bis die Kunden sich mit ihrer Forderung nach offenen Formaten durchsetzten – und bis die Vormachtstellung des Apple-Pakets zementiert war. Die grosse Kunst von Apple ist, dass sich die Kunden dabei äusserst wohl fühlen. Der Schreibende nimmt sich hier nicht aus…

Die 2001 eingeführte kostenlose Software iTunes von Apple für Mac und ab 2003 auch für Windows ist in der Apple-Welt Dreh- und Angelpunkt für alle elektronischen Medien, auch für die Applikationen und somit für die eBooks. Beim durchschlagenden Erfolg im Bereich Musik spielte iTunes eine zentrale Rolle. Die Software war den Konkurrenzprodukten klar überlegen und ist immer noch das Mass aller Dinge beim Konsum und Verwaltung von Musik sowie der Synchronisation mit dem mobilen Gerät, dem iPod. Dieser kam übrigens erst ein halbes Jahr nach Einführung von iTunes auf den Markt. Der 2003 lancierte iTunes Store wiederum ist die weltweit führende Plattform für den Kauf digitaler Musik. Die Software und der Store dienen nun auch als Plattform für die Applikationen fürs iPhone, der nächsten Erfolgsgeschichte von Apple. Die Applikationen sind ein entscheidender Erfolgsfaktor, der das iPhone gegenüber der Konkurrenz abhebt. Bei diesen Applikationen gibt es nun auch eine Rubrik „Bücher“, in der sowohl eBooks als auch Software zum Konsumieren von eBooks angeboten werden. Der Vergleich der Möglichkeiten zur Suche von eBooks im iTunes Store mit denjenigen für Musik zeigt, wie rudimentär jene sind. Man kann wohl eine Suche über Titel und Autor absetzen und in der Rubrik Bücher nach Neuzugängen und meistgekauft sortieren – aber das wars schon. Es gibt keine Genres oder anderen differenzierten Auswahlmöglichkeiten. Wenn man das mit Amazon vergleicht, ist der iTunes Store noch bei den allerersten Schritten im Hinblick auf einen Buchshop.

Abb. 2: Screenshot von iTunes mit dem iTunes Store, Rubrik Bücher

Die Titel können entweder über iTunes auf dem PC oder Mac gekauft und dann mit dem Endgerät (iPhone/iPod touch) synchronisiert oder direkt aus dem App Store – einer Applikation von Apple fürs iPhone – gekauft und online heruntergeladen werden. Die Synchronisation mit der iTunes-Bibliothek findet dann in umgekehrter Richtung beim nächsten Anschliessen des iPhone am PC statt. Die Übertragung auf mehrere registrierte iPods oder iPhones ist möglich.

Abb. 3: Screenshot: App Store auf dem iPhone mit der Rubrik Bücher und einem ausgewählten Buch

3. Der Preis der eBooks

Die eBooks kosten bei iTunes übrigens wegen der auch für eBooks geltenden Buchpreisbindung genauso viel wie sonst auch im Handel. Es gilt die Grundregel, dass die eBooks zwischen 80 und 100% der billigsten gedruckten Version kosten. Es gibt aber auch einige kostenlose und sehr günstige Angebote (vorwiegend gemeinfreie Klassiker aus dem Projekt Gutenberg). Aber wenn man bedenkt, dass die eBooks nur sehr eingeschränkt (nämlich nur auf einem bestimmten Endgerät) gelesen werden können, scheint mir der Preis für die aktuellen Publikationen zu hoch. Das gilt aber für alle Angebote, nicht nur für iTunes.

Michael Roesler-Graichen vom Börsenblatt berichtete an den eBook-Tagen in München, dass man die Publikation Gutenberg 2.0 im iTunes Store eine Weile stark vergünstigt zu 76 Cent anbot und somit ein paar hundert Verkäufe verzeichnete. Als dann der Preis auf die regulären 9 Euro erhöht wurde, gab es keine Käufe mehr. Umfragen bei Kunden bestätigen, dass die Mehrheit einen deutlich niedrigeren Preis erwartet als für Printausgaben. In den USA bieten der Kindle-Store von Amazon und Barnes Noble eBooks – auch Bestseller – zum deutlich günstigeren Preis von $ 9.99 an. So kostet die elektronische Version von Stephen Kings Under the Dome nur $ 9.99 statt $ 22.75 für die Hardcover-Ausgabe (bei einem Listenpreis von $ 35). Da wundert es nicht, dass die deutschen und schweizerischen Konsumenten nicht gerade begeisterte Anhänger der Buchpreisbindung bei eBooks sind. Eine Studie von PricewaterhouseCoopers zur Frankfurter Buchmesse 2009 zeigte, dass 75% der Befragten für eBooks weniger als für gedruckte Bücher bezahlen wollen.[7]

4. Applikationen zum Kaufen und Nutzen von eBooks: Textunes

Es gibt Applikationen, welche die Schwäche bei der Auswahl von eBooks im iTunes Store zu beheben versuchen. Textunes ist gerade für den Zweck der Auswahl eine sehr nützliche Applikation. Sie bietet eine dreistellige Zahl deutschsprachiger eBooks nach Genres und Neuerscheinungen, Inhaltsverzeichnisse und einige Seiten als kostenlose Leseproben an.[8]

Abb. 4: Screenshot: Auswahl von Büchern in Textunes

Es fehlt einzig (wie auch sonst bei den eBooks im iTunes Store) die Angabe der Seitenzahl. Für den Kaufentscheid wäre das aber noch ein wichtiges Argument. Wenn man nach dem Lesen der Leseproben das eBook kauft, bezieht man es wie oben beschrieben direkt im iTunes Store. Im Format entsprechen die Bücher von Textunes auch den beschriebenen eBooks als Applikationen.

5. eReader-Applikationen für das iPhone: eReaderPro

Mittlerweile sind einige Applikationen im iTunes Store erhältlich, welche die beschriebenen Schwächen der eBooks als einzelne Applikationen beheben. Drittanbieter können in ihren iPhone Apps direkt Produkte verkaufen, ohne Umweg über den App Store. Das nutzen unter anderen Amazon und Barnes Noble mit einem eigenen Zugang zu ihren grossen eBook Stores aus. Kindle iPhone gibt es seit  Mitte Dezember auch für Kunden ausserhalb der USA. Für Kunden in Europa werden zurzeit ca. 200.000 eBooks im Kindle Store angeboten, allerdings nur englischsprachige. Noch grösser ist der Store von BN, der über 1 Mio elektronischer Bücher, Zeitungen und Zeitschriften enthalten soll. Zwar ist auch hier die Lieferung an Kunden ausserhalb der USA nicht möglich, doch gibt es die Applikation eReaderPro von BN, die das erlaubt.

Nicht nur die Auswahl und Kaufabwicklung wird durch die Applikation erleichtert. Der eReaderPro verfügt auch über zusätzliche Funktionen zur Darstellung von eBooks und zum Lesen. Über die Einstellungen können die Farbe des Hintergrunds, die Schrift und die Schriftgrösse und vieles mehr verändern. Zum Umblättern kann man nicht nur – wie beim iPhone üblich – über den Bildschirm wischen, sondern auch eine Scrollfunktion aktivieren, wodurch der Text langsam von unten nach oben läuft. Bei der Applikation FileMagnet, die zum Lesen aller möglichen Formate und zur Synchronisation mit Dokumenten auf dem PC oder Mac eingesetzt werden kann, reagiert das Scrollen sogar auf die Neigung des iPhone: je stärker man es neigt, desto schneller fliesst der Text über den Bildschirm. Der Phantasie der Entwickler sind hier wenig Grenzen gesetzt. Der Bewegungssensor des iPhone liesse es auch zu, dass man durch Schütteln des Geräts blättert. Je nach Applikation werden unterschiedlichste Methoden zum Blättern geboten: Klicken auf Pfeile, antippen der linken oder rechten Bildschirmhälfte, antippen oben oder unten (je nachdem wird nach vorne oder rückwärts geblättert), Antippen einer Seitenecke, die wie angeknickt dargestellt wird und so weiter und so fort.

Unter dem Strich ist klar, dass punkto Funktionsumfang das iPhone den dezidierten eReadern weit überlegen ist.

Abb. 5: Funktionen des eReaderPro: Metadatenverwaltung und Einstellungen

6. eReader-Applikationen fürs iPhone: Stanza

Die beliebteste Applikation für das Kaufen und Lesen von eBooks auf dem iPhone ist aber Stanza, ein Produkt von Lexcycle. Pikanterweise wurde Stanza von Amazon gekauft, womit nicht klar ist, ob der Konkurrent zu Kindle iPhone noch eine Zukunft hat. Stanza bietet Zugriff auf verschiedene eBook Stores. Neben bekannten Verlagen wie Fictionwise oder Random House nutzen auch kleinere Verlage diese Plattform. Insgesamt sind rund 100.000 Titel verfügbar. Spannend ist die zusätzliche Möglichkeit, eigene Texte vom persönlichen PC aus mit Stanza zu synchronisieren und in die „Bibliothek“ auf dem iPhone zu integrieren. Eine Schnittstelle zur Software Calibre soll es sogar erlauben, alle möglichen Formate via Calibre in ein von Stanza lesbares EPUB-Format umzuformatieren und dann auf das iPhone zu spielen – sofern die Dateien nicht durch ein DRM[9] geschützt sind, was leider zu oft der Fall ist.

Abb. 6: Screenshots: Auswahl von eBooks in verschiedenen Shops auf Stanza

Stanza bietet ähnliche Funktionen zum Lesen der eBooks wie der erwähnte eReaderPro an. Wie bei diesem können auch Notizen eingefügt werden und Wörter in einem Wörterbuch nachgeschlagen werden. Die Notizen sind allerdings auf die Verwendung innerhalb der Software beschränkt. Eine Integration in Worddokumente oder ähnliches ist sehr kompliziert (Copy-Paste in ein Word-Dokument via DocumentsToGo und anschliessender Synchronisation mit dem PC) und somit praktisch nicht anwendbar.

7. eReader Applikationen fürs iPhone: Kindle for iPhone

Seit Mitte Dezember 2009 bietet Amazon Kindle for iPhone auch in Europa an. Und ich muss sagen, die nahtlose Integration der Kindle-Angebote über Whispernet[10] überzeugt. Zunächst werden einmal alle Bücher (nicht aber abonnierte Zeitungen oder Zeitschriften), die man im Kindle Store gekauft hat, auf alle registrierten Geräte übertragen: sowohl auf den Kindle, wie auch auf Kindle für PC und Kindle fürs iPhone. Man hat also alle (gekauften) Dokumente jederzeit auf jeder Plattform zur Verfügung. Ausgenommen sind  hier die eigenen Dokumente, die man auf den Kindle geladen hat.

Wenn ich es richtig verstanden habe, nimmt Whispernet jene Verbindungsart, die gerade zur Verfügung steht: das LAN beim PC, das WLAN oder die Telefonverbindung beim iPhone. Absolut überzeugend ist die Synchronisation der letzten Lesestelle: wenn man im eBook auf dem Kindle für PC gelesen hat, die Anwendung schliesst und dann das iPhone zur Hand nimmt, fragt die Applikation, ob man bei der zuletzt gelesenen Passage (”Location”) weiterlesen möchte. Und umgekehrt erscheint der Dialog auf dem PC, wenn man nach der Lektüre auf dem iPhone wieder Kindle für PC öffnet. Diese nahtlose Intergration ist echt genial.

Abb. 7: Screenshot: Kindle for iPhone mit Seitenansicht und Dialog für Anzeige der zuletzt gelesenen Stelle

Nach gewissen Startschwierigkeiten hat auch die Synchronisation der Notizen funktioniert, die ich auf dem iPhone sehr einfach und intuitiv anbringen kann, oder mit den Bookmarks, die ich sowohl mobil wie auch auf dem PC setzen kann. Neue Bücher für Kindle for iPhone muss man im Kindle Store kaufen. Diesen kann man entweder vom PC aus über den Browser aufrufen oder über die zusätzliche iPhone Applikation Amazon.com.

In der Anwendung bietet Kindle for iPhone die wichtigsten Funktionen zum Blättern und zur Auswahl der Darstellung: Textgrösse ändern, Hintergrund ändern. Wenn der Bildschirm um 90° gedreht wird, erscheint der Text im Querformat. Der Umbruch ist qualitativ ausgezeichnet. Kurzum: Kindle for iPhone bietet alles, was für das Lesevergnügen zwischendurch und unterwegs benötigt wird.

8. Kollaborative Plattformen: Txtr

Txtr ist ja in erster Linie als neuer eReader im Gespräch, der Ende 2009 im Handel erhältlich sein sollte. Und zu diskutieren gibt auch der Entscheid der Firma, das Gerät nun doch ohne WLAN auszuliefern, um die Kosten auf unter 300 Euro zu senken. Aber txtr ist nicht nur das Gadget, sondern auch eine Plattform, die ich hier etwas näher betrachten möchte.

Gewisse Ansätze für Kollaboration findet man zwar auch bei Stanza (vgl. Abschnitt 6 dieses Beitrags). Weiter ausgebaut wurde dieses Element bei txtr, das eine Plattform zum Bezug und zum Austausch von Texten bietet. Zum einen kann man eine wachsende Zahl von deutschsprachigen eBooks über die Website http://www.txtr.com käuflich erwerben. Txtr hat eine grosse Content-Allianz geschmiedet und führt die Angebote von libri.de, Ciando und Ingram in seinem Programm.[11] Anschliessend kann man die Bücher mit der iPhone-Applikation txtr synchronisieren. Zum andern kann man aber auch eigene Texte über den Upload auf der Website oder ein spezifisches Tool zu seinen Texten hochladen. Funktioniert hat das im Test mit PDF und EPUB-Dokumenten. Der Clou bei der Sache: eigene und freie Texte kann man anschliessend auf der Plattform mit Freunden teilen.

Abb. 8: Screenshot: txtr fürs iPhone mit Verwaltung und Download von Texten

Die Kombination von gekauften und eigenen Texten mit der Verbindung zu Funktionen eines sozialen Netzwerks erscheint mir vielversprechend.

9. Vergleich mit eInk-eReadern

Zum Abschluss möchte ich das iPhone als eReader mit den gängigen eReadern vergleichen, die auf der eInk-Technologie basieren. Es geht dabei letztlich um die Frage, ob ein multifunktionales Gerät gegenüber dedizierten eReadern das Rennen machen wird. Wobei sich diese Frage natürlich auch auf anderen Gebieten stellt. Neulich habe ich einen Bericht über das iPhone als Navi gelesen. Und für mich ist klar: ein separates Navigationsgerät hätte ich nie gekauft – aber auf dem iPhone nutze ich die Funktion sehr häufig. Das dezidierte Navi bietet bestimmt viele Vorteile – und doch bevorzuge ich das multifunktionale Geräte, das ich ohnehin schon in der Tasche habe. Es ist also durchaus denkbar, dass sich ein für den spezifischen Zweck nicht optimales multifunktionales Gerät gegenüber einem dedizierten eReader durchsetzt, weil die Nutzer nicht bereit sind, für diese Extranutzung mehrere hundert Euro zu bezahlen oder ein Extragerät mit sich herumzutragen.

Aber hier jetzt der Vergleich in Bezug auf einige wichtige Kriterien (siehe auch Tabelle 1):

Angebot an eBooks

Insgesamt ist das Angebot fürs iPhone grösser als für die einzelnen eReader. Die Auswahlmöglichkeit von Büchern im App Store von Apple ist jedoch denkbar schlecht. Hier sind Amazon und Barnes Noble weit voraus. Damit die eBooks im App Store erfolgreich sein sollen, braucht es mehr als eine ständig wachsende Anzahl. Apple müsste hier auch für Bücher all das bieten, was man im Bereich Musik kennt: neben einer guten Suche gehört sicher die Kategorisierung nach Genres dazu. Fürs iPhone wäre eine separate Applikation nützlich, welche analog zur App iPod für Musik und Video die Nutzung von eBooks auf dem iPhone unterstützen würde.

Verwaltung der eBooks

Auf dem iPhone benötigt man mehrere Applikationen, um alle Angebote nutzen zu können. Je mehr solcher Plattformen man nutzt, desto mehr vermisst man eine zentrale Management-Software für alle eBooks – so wie es sie für Musik mit iTunes bereits gibt. Sony ist mit der eBook Library der einzige Anbieter mit einer einigermassen zufriedenstellenden Verwaltungssoftware. Auf dem iPhone könnte Stanza eine solche Rolle spielen, vor allem wenn man die verschiedenen Formate in ein einheitliches Format bringen könnte. Wegen der unterschiedlichen DRM scheint das jedoch unmöglich. Beim Kindle fehlt ein solches Verwaltungstool völlig.

Aus meiner Sicht ist das Datenmanagement ein entscheidender Erfolgsfaktor, wie sich vor Jahren bei der Musik gezeigt hat. Am Anfang von Apples Erfolgsmodell stand die Software iTunes zum Rippen von CDs und zur Verwaltung der Musik.

iPhone Kindle 2 Kindle DX Sony touch
Angebot ***** **** **** **
Verwaltung ** * * ***
Formate **** * ** ***
Funktionen ***** ** ** **
Notizen ** * * ***
Bildschirm ** ** *** *
Akku * ***** ***** ****
Coolness ***** ** *** **
Total Punkte 26 17 21 20

Tabelle 1: (Subjektiver) Vergleich zwischen iPhone und eBook-Lesegeräten

Dateiformate

Das iPhone kann mit Hilfe der unterschiedlichen Applikationen so ziemlich jedes Format lesen. Aber eben, man braucht DocumentsToGo für Textdokumente und PDF, Kindle für Amazons azw-Format, Stanza für EPUB etc. Die verschiedenen eigenständigen eBooks als Applikationen fürs iPhone können prinzipiell völlig proprietäre Formate sein. Die offene Frage beim iPhone ist aber weniger, welche Formate gelesen werden können, sondern auf welche andere Plattformen die Inhalte transferiert werden können. Momentan ist es so, dass ein fürs iPhone gekauftes eBook tatsächlich nur auf dem iPhone gelesen werden kann. Einzelne Anbieter bieten aber mehrere mögliche Downloadformate, so dass ein gekauftes Werk in mehreren Versionen für die verschiedenen Geräte bezogen werden kann, so z.B. BN oder Amazon.

Funktionen

Bei den Funktionen zum Blättern und Navigieren hat das iPhone die Nase vorn. Nicht jede Applikation nutzt jedoch wirklich intuitive Formen. Aber das iPhone setzt hier ganz klar Massstäbe, die dazu führen, dass viele Nutzer auch versuchen, den Kindle wie einen Touchscreen zu bedienen und über die bescheidenen Möglichkeiten des Sony Touch enttäuscht sind.

Interaktion

Gerade für die Nutzung im wissenschaftlichen Umfeld wäre es von entscheidender Bedeutung, dass die Texte annotiert werden können, dass Anmerkungen und Zitate in die eigentliche Arbeitsumgebung auf den PC übernommen werden können. Das ist weder beim iPhone noch bei den dedizierten eReadern wirklich der Fall. Beim iPhone ist ein Hindernislauf über verschiedene Funktionen und Applikationen nötig, um eine Anmerkung in ein Word-Dokument zu übertragen. Und bei den eReadern bietet nur der Sony touch (angeblich) eine Synchronisation von Notizen auf dem eReader mit Word auf dem PC. Mir persönlich ist dies bisher aber noch nicht gelungen. Offenbar macht hier das DRM öfters Schwierigkeiten.

Bildschirm

Der kleine Bildschirm ist sicher der grosse Nachteil des iPhone gegenüber den 5-6-Zoll Bildschirmen von Kindle, Sony und anderen. Dafür ist er beeindruckend gut geeignet, um multimediale Inhalte darzustellen. Im Zeitalter der Medienkonvergenz ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Und umgekehrt ist gerade dies ein möglicherweise entscheidender Negativpunkt für die eInk-Technologie. Auch wenn erste Modelle in Farbe existieren oder Dualbildschirme angekündigt sind (der eDGe von enTourage soll im Februar 10 herauskommen), dürfte es schwierig sein, die relativ träge Technologie für die Darstellung bewegter Inhalte einzusetzen. Momentan dauert ein Seitenaufbau eine halbe Sekunde und ist begleitet von einem Flimmern. Das mag für Bücher noch kein Problem sein. Aber ich gehe davon aus, dass ohnehin die Zeitungsverlage in den nächsten ein bis zwei Jahren dem eReader zum entscheidenden Durchbruch verhelfen werden – wie Hearst mit seinem Skiff[12] und Time Inc. mit einer Studie zu einem Tablet[13] gerade gezeigt haben. Und die Zeitungen folgen ganz klar dem Trend nach Integration multimedialer Inhalte. Sie werden kaum auf eine Technologie setzen, die genau diese Möglichkeit verbaut.

Akku-Laufzeit

Auf der Plusseite der eInk-Technologie ist ganz klar die extrem lange Laufzeit des Akkus, was wiederum ein Hauptmanko des iPhone darstellt. Ich persönlich gehe davon aus, dass sich Apple darüber aber keine allzu grossen Sorgen macht. Die Akkus werden sich laufend verbessern, so dass sich das Thema in den nächsten Jahren von selbst weitgehend entschärft. Genau so hat sich seinerzeit das Problem des grossen Speicherbedarfs gelöst.

Preis

Der Preis der Geräte muss natürlich auch in Erwägung gezogen werden. Die Schmerzgrenze für eReader liegt bei 200 Euro, haben Kundenbefragungen ergeben. Wobei diese Grenze für die verschiedenen Kundensegmente unterschiedlich ist. Aber für den Durchbruch gerade bei jungen Leuten liegt sie wohl doch deutlich unter 200 Euro. Hier liegen die Vorteile wiederum klar beim iPhone. Es ist zwar bedeutend teurer, aber man kauft es nicht als eReader, sondern als Mobilphone – oder als mobiles Webdevice – oder als elektronische Agenda – oder als mobile Gamestation und so weiter. Da spielt auch keine Rolle, dass man zusätzlich auf ein Abonnement bei einem Mobilfunkanbieter angewiesen ist. Für den Anwender sind dies Kosten, die er ohnehin schon hat. Entscheidend ist hier, dass keine Zusatzkosten eigens für das Lesegerät entstehen.

Coolness-Faktor

Last but not least spielt auch der Coolness-Faktor eine wichtige Rolle. Wer den Kindle 1 einmal in Händen gehalten hat, weiss, warum der Kindle eher ein Gerät für ältere Leute ist… Die neuen eReader wie nook oder QUE könnten schon eher an der Vorreiterschaft des iPhone rütteln. Momentan gilt aber das iPhone nach wie vor fast unbestritten als das coolste Gadget der Gegenwart. Am ehesten dürfte wohl Apple selbst an diesen Erfolg anknüpfen können, wenn das gerüchtehalber in der Pipeline befindliche Tablet das Objekt der Begierde wird.

10. Fazit

Ich gehe davon aus, dass nicht ein dedizierter eReader das Rennen machen wird, sondern ein multifunktionales Gerät, das das Lesen von eBooks in die gewohnte Arbeitsumgebung integriert. Steve Jobs sagte dazu in der New York Times: “But I think the general-purpose devices will win the day. Because I think people just probably aren’t willing to pay for a dedicated device”. Ich gehe davon aus, dass es dabei allerdings weniger um den einmaligen Kauf eines solchen Geräts geht, sondern viel mehr darum, dass man nicht mehrere Geräte mit sich herumtragen und Dokumente auf verschiedenen Plattformen verwalten will. Zudem denke ich, dass das Rennen nicht auf dem Gebiet der eBooks, sondern auf dem Feld der elektronischen Zeitungen und der multimedialen Inhalte entschieden wird. Hier spielt die Musik!